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Tiermedizin ©  

Auf den Hund gekommen…

Vor kurzem erhielt ich von einem renommierten Verlag eine Sonderausgabe der Zeitschrift „Kleintier konkret“ zugesandt. Ich konnte damit zunächst nicht viel anfangen, da ich gar kein Kassenarzt bin, der zusätzliche Igel-Leistungen durchführt. Auch behandle ich in der Regel eher „größere Tiere“. Ich wollte das Fachblatt für den spezialisierten Kleintierarzt daher eigentlich Klima schonend im Altpapier entsorgen, warf vorher aber noch einmal einen kurzen Blick hinein. Dabei konnte ich erkennen, wie wichtig es doch ist, hin und wieder einmal über den eigenen begrenzten Tellerrand hinaus zu schauen.  

Je länger ich „Kleintier konkret“ las, umso mehr durfte ich feststellen, dass Tiere eben auch nur Menschen sind (oder sollte es etwa umgekehrt sein?). Gewiss, ein großer Teil der Artikel und der Anzeigen der tierischen Pharma-Industrie beschäftigte sich mit der Therapie von Würmern und Parasiten bei den besten Freunden des Menschen. Damit haben wir in der Humanmedizin eher weniger zu tun (wenn man als Patient nicht gerade in die Fänge eines Anhängers von Hulda Clarke gerät, die bei nahezu jedem Menschen den großen Leberegel finden und behandeln, auch wenn er bei uns gar nicht vorkommt). Ein Großteil der Beiträge betraf aber allzu menschliche Probleme, die ich in dieser Form und in diesem Ausmaß in der Tiermedizin niemals vermutet hätte:

Tiermedizin - auch hier menschliche Probleme 

Bereits Seite 3 widmet sich ausführlich der medikamentösen Therapie von Prostataerkrankungen bei alten Hunden. Wenige Seiten später werden Canosan Gelenkerli® für unsere haarigen Freunde mit Arthrose angeboten. Und auf der nachfolgenden Seite können wir erfahren, dass es jetzt endlich auch „das erste pharmazeutische Produkt für professionelles Gewichtsreduktionsmanagement unter der Kontrolle des Tierarztes“ gibt. Dieses neue Wirkprinzip blockiert nicht nur die Fettaufnahme, sondern zeichnet sich zusätzlich durch einen appetithemmenden Effekt aus. Ich verzichte bewusst auf die Nennung des Handelsnamens, um menschliche Leser nicht in Versuchung zu führen, sich dieses Wundermittel illegal zu besorgen und Eigenexperimente bezüglich der Übertragbarkeit von Tierversuchen auf den Menschen anzustellen.

Tiermedizin - gegen Übergewicht und Fettleber

Überhaupt scheint Übergewicht ein beherrschendes Thema zu sein – nicht nur bei Herrchen, sondern auch bei Hunden, Katzen und – man lese und staune – bei Wasserschildkröten. Eine wissenschaftliche Studie aus dem Jahre 2004 konnte nachweisen, dass bei 48 % aller untersuchten Reptilien eine Leberverfettung festgestellt werden konnte, bei den besagten Wasserschildkröten (das scheinen besonders faule und gefräßige Biester zu sein) hatten sogar 57 % eine Fettleber! Es kommt noch besser: unsere schuppigen Freunde weisen auch noch erhöhte Leber-, Triglycerid- und Cholesterinwerte auf (wie nimmt man eigentlich einer Königspython Blut ab, die haben doch gar keine Armvenen? Mein Respekt vor den Tierärzten wächst und wächst). 

Da Alkoholismus unter Wasserschildkröten wohl eher die Ausnahme darstellt, muss das Anschwellen der wichtigsten Drüse des Körpers andere Ursachen haben. Und der Artikel benennt diese auch schonungslos: Zuviel Futter mit hohem Fettanteil (Wachsmotten und Mehlwürmer) und zuwenig Bewegung (Terrarium)! Wer hätte das gedacht? Die Tierbesitzer mästen nicht nur sich selbst, sondern müssen den domestizierten Hausgenossen auch noch die gleichen Krankheiten anzüchten, die sie auch bekommen. Nicht der Mensch ist also auf den Hund gekommen, sondern die Haustiere sind auf den Menschen gekommen! 

  schlachtreif oder nur Wolle

Tiermedizin - naturheilkundliche Therapien

Was ich besonders bemerkenswert finde, dass wir von den Tierärzten viel für den Menschen lernen können: also liebe Übergewichtige – einfach weniger Mehlwürmer verspeisen und gelegentlich mal das Terrarium verlassen! Spaß beiseite, wie bei der Wasserschildkröte sind auch beim Menschen eine vernünftige, kalorien- und fettreduzierte Kost bei gleichzeitiger Vermehrung der Bewegung die Hauptfaktoren zur Vorbeugung und Behandlung von Übergewicht. Zusätzlich werden tierärztlich zur Behandlung der Lebererkrankungen Vitamin E, Vitamin C und Mariendistel empfohlen. Da bin ich nun restlos begeistert gewesen, da dies exakt (einen Teil) meines eigenen naturheilkundlichen Konzeptes bei Lebererkrankungen wiedergibt. Wenn unsere (Menschen)Ärzte doch auch alle so naturheilkundlich wie die Tierärzte wären! 

Und selbst allzu menschliche Probleme sind den Haustieren mittlerweile nicht mehr fremd: „Wenn’s nicht klappt beim Deckakt“ verspricht die Lösung. Meine Erwartungen wurden aber jäh enttäuscht. Die Autorin belässt es bei eher banalen psychotherapeutischen Ansätzen. So erfahren wir, dass auch die individuelle Sympathie zwischen zwei Tieren berücksichtigt werden muss. Und im günstigsten Fall führt allein ein Wechsel des Rüden zum Erfolg. Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Ist ja eigentlich logisch, aber eben auch enttäuschend, da ich mich schon so auf die medikamentöse Hilfe gefreut habe („Jetzt auch Viagra® für Hunde!“). 

Und auf der letzten Umschlagseite hat „Kleintier konkret“ dann noch den Vogel abgeschossen (liebe Tierärzte, bitte nicht wörtlich nehmen!): „So entwurmt man heute“ erfahre ich da. Spannender ist aber, womit. Auch bei der Berücksichtigung der Compliance (Therapietreue) ihrer vierbeinigen Patienten scheinen die Tierärzte viel weiter als ihre „tierfachärztlichen Kollegen für den Zweibeiner“ zu sein. Die Entwurmungstabletten haben nämlich Wurstgeschmack!

Tiermedizin - Ideen für bessere Compliance 

Liebe Pharmafirmen, wäre das nicht ein Betätigungsfeld, um sowohl die Compliance als auch den Umsatz zu steigern? Ich habe da auch schon sehr konkrete Vorschläge: Lebermittel mit Biergeschmack (für Privatpatienten aus der Toscanafraktion unserer Gesellschaft auch gern mit Chiantiaroma), Diabetestabletten mit Karamellgeschmack (die Konkurrenz bringt dann Glibenclamid Schwarzwälder Kirsch® auf den Tisch, d.h. auf den Markt) und Lipidsenker schmecken natürlich nach Wurst (Salamistatin® forte). Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. 

Was ich aus der Lektüre der spannenden Zeitschrift aber im Ernst gelernt habe: auch mal andere Fachzeitschriften lesen, kann nicht nur amüsant, sondern auch recht lehrreich sein. Und: „Von Tierärzten lernen, heißt siegen lernen!“ 

Also: weniger fetttriefende Wachsmotten essen, ab und zu ein schmackhaftes Gelenkerli® kauen und beim Deckakt immer an die Sympathie denken! Kommen Sie nicht auf den Hund (oder besser vielleicht doch?), Ihr

 © Dr. Volker Schmiedel
Chefarzt der Inneren Abteilung
FA für Physikalische und Rehabilitative Medizin
Naturheilverfahren, Homöopathie
Dozent für Biologische Medizin (Univ. Mailand).

Animationen animierte Augen

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Dieser Artikel erscheint in der Zeitschrift "Der Naturarzt". Wir danken dem Access-Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck. www.naturarzt-access.de

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