Naturheilkunde Vorsicht! Kuckuckseier im Nest der Naturheilkunde
Wer meinen naturheilkundlichen Newsletter regelmäßig liest, der weiß, dass ich kein Blatt vor den Mund genommen habe, um heftige und teilweise auch polemische Kritik an einigen Auswüchsen unserer Gesundheitspolitik und der Schulmedizin zu üben – beispielsweise an der „Röntgenophilie“ der Radiologen oder der „Stentomanie“ der Kardiologen. Ich habe mich in der Vergangenheit aber auch nicht gescheut, Kritik an einseitigen oder überzogenen Sichtweisen und Praktiken von naturheilkundlich orientierten Patienten und Therapeuten zu üben. Heute möchte ich mich endgültig zum Nestbeschmutzer des eigenen naturheilkundlichen Hühnerstalles mausern. Ich möchte Ihnen zwei Beispiele dessen nennen, was sich unter die schützenden Fittiche einer naturheilkundlichen Glucke begeben hat, deren Mutterinstinkte zu stark sind, um den Kuckuck aus dem Nest zu werfen. Die folgenden Fälle sind beredte Beispiele einer in der Naturheilkunde nicht selten anzutreffenden Naivität, die erst Praktiken ermöglicht, die man wohlwollend als Scharlatanerie, etwas kritischer aber durchaus auch als Betrug bezeichnen könnte. Naturheilkunde - Entschlackung ist gut – aber auch für das Portemonnaie? Entgiftung und Entschlackung haben in der Naturheilkunde einen hohen Stellenwert. Abgesehen davon, dass sich Naturheilkundler sofort ins argumentative Abseits begeben, wenn sie in der Diskussion mit Schulmedizinern diese Reizwörter einfließen lassen, lässt sich der Erfolg einer „Entschlackung“ kaum objektivieren. Was wäre aber, wenn wir die Erfolge der Entschlackung mit eigenen Augen offensichtlich demonstriert bekommen? Vor einigen Jahren besuchte ich eine große naturheilkundliche Fortbildungsveranstaltung mit mehreren hundert Teilnehmern. In den Pausen wurde fleißig die Industrieausstellung besucht. Einer der Aussteller bot eine so genannte Detox-Behandlung (der Name ist schon mal toll) an und als Messebonus durften die Therapeuten kostenlos am eigenen Leibe die Segnungen dieser entgiftenden Behandlung erleben. Die Therapie bestand aus einem etwa halbstündigen Detox-Fußbad mit einer elektrischen Gleichstrombehandlung. Im Laufe der Behandlung begann sich zum Erstaunen, ja zum Erschrecken der Teilnehmer das Wasser immer mehr zu verfärben, bis es am Ende der Behandlung aus einer rostbraunen, eklig anzusehenden Brühe bestand. Das Ganze wurde dann als Schadstoffausleitung verkauft. Man müsse jetzt sehr viel trinken und die Behandlung am besten mehrfach wiederholen, damit man den optimalen Therapieeffekt ausschöpfen könne. Das war alles schon sehr eindrucksvoll und die Naturheilärzte stritten sich geradezu um die wenigen Detox-Plätze, die in den Pausen zur Verfügung standen. Diejenigen, die das Glück hatten, zu den ersten Anwendern gehört zu haben, berichteten am nächsten Tag bereits von sensationellen Behandlungserfolgen. Der Schlaf sei besser, die Gedanken klarer und überhaupt alles super geworden. Ich weiß nicht, wie viele Detox-Geräte der Aussteller an den Naturheilarzt gebracht hat, aber soweit ich es verfolgen konnte, waren die Auftragsbücher recht gut gefüllt. Was mich persönlich etwas stutzig machte, war der Umstand, dass nicht nur rauchende, Fleisch fressende Bewegungsmuffel (auch die gibt es in der Naturheilkunde) jede Menge braune Schadstoffe absonderten, sondern dass auch nichtrauchende, vegetarische Körnerfresser, die regelmäßig bei sich selbst ein Heilfasten durchführen, denselben Dreck in der Wanne hinterließen. Ich vermutete irgendeine chemische Reaktion zwischen dem zugesetzten „Ausleitungssalz“ im Wasser und Bestandteilen der Haut oder des Schweißes. Die subjektiven Reaktionen waren für mich jedenfalls ein reiner Placebo-Effekt. Vorsichtige kritische Äußerungen bei den Kollegen wurden jedoch schlichtweg nicht zur Kenntnis genommen. Akademiker mit zwölf Semestern universitärer Ausbildung und einem ansonsten sehr wachen und kritischen Verstand – jedenfalls was die Schulmedizin angeht – schalteten plötzlich alle intellektuellen Sicherungen aus und orderten die Geräte wie blöde. Ich denke, dass sie zuhause in bestem Wissen und Gewissen die Körper ihrer Patienten um besagte braune Gifte und deren Geldbörsen um einige Geldscheine entschlackt haben. Vor kurzem habe ich dann erfahren (Artikel in der naturheilkundlichen Zeitschrift CoMed), was es mit der Detox-Therapie tatsächlich auf sich hat: Lässt man das Detox-Gerät laufen, ohne auch nur eine einzige Zehe eines von Zivilisationsmüll vergifteten Menschen ins zuvor klare Wasser zu halten, so entgiftet das Gerät auch – nämlich sich selbst. Das Wasser wird mit oder ohne verschlacktem Mensch gleichermaßen eklig braun, da nämlich ein kleiner Teil der Elektrode aufgelöst wird. Das Wasser wird so von oxidiertem Chrom, Mangan, Zink und vor allem vom Eisen der Elektrode gefärbt. Als Anwender bekommt man das vielleicht erst nach einiger Zeit heraus. Die Hersteller und Vertreiber müssten dies aber eigentlich gewusst haben. Und das würde ich dann Betrug nennen… Naturheilkunde - Gallensteinentfernung ohne Operation – ja das gibt`s Zum Schluss noch ein Verfahren, welches als Geheimtipp in Büchern und im Internet kursiert. Und das Tolle: Es ist auch noch nicht-kommerziell. Jeder kann es selbst zuhause mit geringem Aufwand durchführen und ausnahmsweise füllt sich auch keiner die Taschen damit. Sie können nämlich ganz einfach und vor allem ohne Operation Ihre Gallensteine verlieren. Und das geht so: Sie brauchen bloß 4 EL Bittersalz, 125 ml Olivenöl und ca. 200 ml frisch gepressten Grapefruitsaft. Um 14h eines beliebigen Tages, z.B. am Samstag, beginnen Sie ein kurzes Heilfasten. Um 18h trinken Sie 200 ml Wasser, im welches Sie einen EL des Bittersalzes gelöst haben. Dasselbe wiederholen Sie um 20h. Um 22h mischen Sie das Olivenöl mit dem Grapefruitsaft und trinken diese Lösung. Am nächsten Morgen trinken Sie beim Aufstehen und zwei Stunden nochmals jeweils 200 ml mit dem Bittersalz. Wenn Sie
dieses Programm korrekt durchführen, werden sich bei den einsetzenden
drastischen Stuhlentleerungen bis zu 2000 kleine, grüne Steinchen absetzen, die
unschwer als Gallensteine identifiziert werden können - jedenfalls, wenn man
sich nicht die Mühe macht, sie chemisch zu analysieren. Tut man dies aber doch,
so stellen sich die Gallensteine als Seifen heraus. Die
In der Folge, so verspricht Hulda Clark, die den "Scheiß" (im wahrsten Sinne des Wortes) verzapft hat, verschwinden u.a. Allergien, Rückenschmerzen und Schleimbeutelentzündungen. Zwar ist mir auch nicht bewusst, was ausgerechnet diese gesundheitlichen Störungen miteinander und vor allem mit Gallensteinen zu tun haben. Nebenbei: Hulda Clark, eine kanadische Biochemikerin (und die müsste die Zusammenhänge eigentlich wirklich kennen), behauptet auch, dass sehr viele Erkrankungen vom "großen Leberegel" ausgehen, den sie und ihre zahlreichen Anhänger auch regelmäßig bei ihren Patienten nachweisen. Leider sind weder diese Parasiten noch ihre Eier im Stuhl der Patienten nachweisbar. Mitarbeiter des Stuhllabors, mit dem ich zusammenarbeite, berichten mir, dass sie diesen tropischen Parasiten noch niemals bei einem deutschen Patienten nachweisen konnten, obwohl er in der Stuhlmikroskopie so auffällig ist, dass er nicht übersehen werden kann. Ich muss auf der anderen Seite aber auch gestehen, dass ich Ärzte und Patienten gesehen habe, die unter dieser Entgiftung nach Hulda Clark eine deutliche Besserung zahlreicher Beschwerden berichtet haben, die sich nicht alle als Placebo-Effekte erklären lassen. Die plausible Erklärung: Das Verfahren stellt natürlich eine drastische Ausleitungsmaßnahme über den Darm dar. Zahlreiche positive Effekte, die wir im Rahmen einer solchen Ausleitung etwa unter einer Heilfastenkur nach Buchinger, bei einer F.X.Mayr-Kur oder im Rahmen einer Colon-Hydro-Therapie beobachten, sind möglicherweise auf unspezifische Effekte durch eine solch intensive Darmreinigung zu erklären. Ich will dieser Clarkschen Ausleitungskur über den Darm also keineswegs alle therapeutischen Wirkungen von vornherein absprechen. Und wenn wir als Therapeuten ein bisschen „zaubern“, um vorhandene Effekte durch ein bisschen Magie zu verstärken – warum denn nicht? Aber wir sollten doch darauf achten, dass wenigstens noch ein bisschen Seriosität vorhanden ist und dass das, was wir behaupten, auch irgendwo stimmt. Dem Patienten aber völligen Blödsinn zu erzählen („Schau, ich habe Deine Gallensteine ausgeleitet, nun verschwinden alle Deine Beschwerden!“), ist meines Erachtens nicht mehr mit einer Medizin vereinbar, die den Patienten als Partner in der Therapie ernst nimmt. Fehlende Kritikfähigkeit in der Naturheilkunde Ich befürchte, dass es noch zahlreiche solcher Leichen im Keller der Naturheilkunde gibt. Wir wissen mittlerweile, dass dies in der Schulmedizin zwar auch der Fall ist, aber wenn wir eine seriöse Naturheilkunde erhalten wollen, dann sollten wir – als Therapeuten und als Patienten – darauf achten, dass solche scharlatanerischen oder gar betrügerischen Verfahren und Behandler (oder besser Misshandler) langfristig keinen Erfolg haben. Auch in den naturheilkundlichen Gesellschaften finde ich oft ein nicht mehr erträgliches Maß an Blauäugigkeit gegenüber allem, was auch nur den Anschein des Naturheilkundlichen erweckt. Es läge auch im Interesse der Naturheilkunde, wenn hier die Spreu vom Weizen getrennt würde, denn jeder aufgedeckte „Betrug“ diskreditiert nicht nur dieses Verfahren selbst und dessen Anwender (die oft in gutem, aber naivem Glauben gehandelt haben), sondern fällt auf die gesamte Naturheilkunde zurück. Nicht immer ist es so leicht, die Methoden so zu entlarven wie bei der Detox-Fußbadewanne und bei der Gallensteinausleitung nach Hulda Clark. Trotzdem sollten wir uns ein bisschen kritischen Skeptizismus und gesunden Menschenverstand bewahren, um uns nicht von jedem vermeintlichen Wunderheiler verscheißern zu lassen. Die Methoden, die bewährt und lange auf dem Markt sind, sind häufig die am besten Erforschtesten und am Wirksamsten, wie z.B. die klassischen Kneippschen Verfahren Ernährung, Pflanzenheilkunde, Bewegungstherapie, Hydrotherapie und Ordnungstherapie. Leider sind diese „alten Hüte“ bei den Patienten nicht besonders beliebt, da sie erstens nicht die Sensationsgeilheit des Publikums befriedigen und zweitens auch noch an die Eigenverantwortung des Patienten appellieren. Daher halte ich es gern mit dem weisen Pfarrer, der schon zu seiner Zeit dieses Problem erkannte und wie folgt umschrieb:
„Je absonderlicher eine
auftauchende Heilmethode ist, desto mehr Freunde und Anhänger gewinnt sie, bis
endlich die leichtgläubige Menge einsieht, dass sie betrogen ist und der
Heilkünstler sich die Taschen gefüllt hat.“
Vertrauen Sie keinen dubiosen Heilmethoden, bleiben Sie kritisch und vertrauen Sie lieber bewährten und klassischen Verfahren der Naturheilkunde.
Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten stehe ich Ihnen im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in der naturkundlichen Privatambulanz. Alle notwendigen Laboruntersuchungen können in der Inneren Abteilung der Habichtswaldklinik oder der Naturheilkundlichen Privatambulanz durchgeführt werden.
Informationen über das Therapieangebot der Inneren Abteilung:
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