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Natürliche Lebensweise oder Warmduscher?

Wasch mir den Pelz - aber mach mich nicht nass

Sie merken es schon am Titel. Diesmal dürfen Sie sich wieder eines polemischen Artikels erfreuen. Nebenbei: Sie sind selbst schuld daran. Da ich auf meine „politisch unkorrekten“ Newsletter stets mehr (und weit überwiegend positive) Resonanz erhalte als auf meine informativen Beiträge, scheint Ihr Bedürfnis nach klaren und mitunter satirischen Äußerungen größer zu sein und wird hiermit wie gewünscht befriedigt.

Natürliche Lebensweise - Abhärtung oder lieber teure Probiotik?

Kennen Sie auch die Fernsehwerbung, bei der ein Mann unter der Dusche vom kalten Wasser abgeschreckt wird? Anschließend erläutert eine freundliche Stimme, dass man das Immunsystem doch viel leichter mit einem wohlschmeckenden Joghurt mit probiotischen Keimen stärken könne. Dann sehen wir unseren Immungeschwächten seinen Joghurt löffeln, wobei er sichtlich glücklicher dreinblickt als unter der kalten Dusche.

Das ist doch mal überzeugend: Man tut etwas für das Immunsystem. Es strengt nicht an und tut nicht weh, und es schmeckt auch noch gut. Das Ganze hat nur einen winzigen Haken: es entspricht - wie Vieles in der Werbung – leider nicht so ganz der Wahrheit. Obwohl dem ahnungslosen Konsumenten nahe gelegt wird, dass bei regelmäßigem Konsum besagter probiotischer Joghurts, kaum noch Infektionen drohen (auch wenn es expressis verbis nicht so gesagt wird), ist dies nirgends wissenschaftlich belegt! Natürlich gibt es Hinweise darauf, dass unsere Darmbakterien unser Immunsystem trainieren (nicht umsonst befinden sich ca. 80% aller weißen Blutkörperchen stets im Bereich des Darmes). Manche Bakterien – von außen in Form von mikrobiologischen Präparaten zugeführt – sind auch nachweislich in der Lage, ein geschwächtes Immunsystem zu stimulieren. Ob das aber auch mit den relativ wenigen Keimen (nur 106 bis 109 im Vergleich zu den 1014 bis 1015 unseres Darmes) in einem Joghurt möglich ist, wurde bisher noch nicht überzeugend dargestellt. Selbst wenn dies der Fall wäre – und dazu wäre schon eine recht aufwändige Studie erforderlich - ist damit noch nicht bewiesen, dass die „neuen“ Super-Joghurts einem „alten“ Joghurt mit konventionellen Bakterien überlegen sind. Ja, selbst ein wärmebehandelter Joghurt dürfte noch immunologische Effekte entfalten.

Natürliche Lebensweise - muss die automatisch teurer sein?

Trotzdem reißen die Konsumenten den Herstellern die neuen Probiotik-Joghurts buchstäblich aus den Kühlregalen. Liegt das vielleicht auch an dem etwa dreifach erhöhten Preis? Dieser Preis ist übrigens durch nichts gerechtfertigt, da die Joghurtherstellung mit verschiedenen Keimen kaum anders sein dürfte. Was teuer ist, muss aber doch gut sein. Und wenn etwas teuer ist, kann der Hersteller damit enorme Profite erzielen, von denen er einen Teil ins Marketing steckt, was ihm neue Käuferschichten erschließt.

Der arme Verbraucher bezahlt einen hohen Preis für ein leeres Versprechen und seine eigene Bequemlichkeit. Gesunde nährstoffreiche Ernährung mit viel Obst, Salaten und Gemüse, regelmäßige körperliche Bewegung an frischer Luft sowie hydrotherapeutische Maßnahmen wie gezielte Kalt-Warm-Reize (z. B. Wechselduschen oder Sauna) sind immer noch die besten Garanten für ein starkes Immunsystem. Bei erhöhtem Risiko für Infekte kann das Immunsystem noch mit Nährstoffen wie Zink und Vitamin C sowie pflanzlichen Mitteln wie Umckaloabo oder Echinacea unterstützt werden. Sich überhaupt keinen Reizen auszusetzen, schwächt hingegen unser Immunsystem. Ständig gleichmäßig geheizte (oft sogar überheizte) Räume, Klimaanlage und Heizung im Auto und der nahezu völlige Verzicht auf körperliche Bewegung im Freien zwischen September und März sind bestens geeignet, uns thermisch verweichlichen zu lassen. Wir werden dann mit der geringsten „Er-Kältung“ nicht mehr fertig, sondern entwickeln einen viralen Infekt.

P.S.: Liebe Hersteller der pro-biotischen Joghurts Activia®, Actimel®, LC1®, Yakult® etc, wenn Ihr wirklich überzeugende Daten für einen Infektionsschutz durch eure Joghurts habt, bitte ich um Zusendung. Ich werde dann umgehend Abbitte tun und vom agnostischen Saulus zum probiotischen Paulus werden.

Natürliche Lebensweise - aber bitte mit Sahne!

Bleiben wir ruhig beim Joghurt. Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass es mittlerweile in den Supermärkten fast nur noch besonders milde Sahnejoghurts gibt. Zugegeben, sie streicheln geradezu die Zunge, haben die in langen Forschungsreihen ermittelte richtige Süße und überzeugen durch einen angenehm fruchtigen Geschmack – auch wenn dieser weniger von natürlichen Früchten als vielmehr aus den Retorten der chemischen Industrie stammt. Unglaublich aber wahr: in umfangreichen Geschmackstests bevorzugten die Joghurtesser meistens den Joghurt mit Geschmacksaromen, die aus Holzabfällen und mit viel Chemie entstanden waren, und ließen den Joghurt mit den richtigen Früchten stehen. Eigentlich nicht verwunderlich, welche Joghurts die Hersteller zukünftig produzieren werden.

 Nichts gegen einen leckeren Joghurt – aber muss er immer sahnig-mild sein?

Doch unser wohlschmeckender Sahnejoghurt hat einen gravierenden Nachteil: Er schmeckt nicht mehr nach Joghurt. Vor einigen Jahren durfte ich auf einer Griechenlandreise in einer Taverne in der Nähe des antiken Sparta einen ursprünglichen, griechischen Joghurt mit kalt geschleudertem Honig genießen. Ich war vom Geschmackserlebnis überwältigt. Ja, er schmeckte zwar etwas säuerlich und entsprach so überhaupt nicht unserem cremig-milden Einheitsbrei, den wir hinunterzuschlingen pflegen. Aber er schmeckte eben wie richtiger Joghurt!

Natürliche Lebensweise - sauer macht lustig – aber erst nach drei Tagen

Säure scheinen wir überhaupt nicht mehr zu mögen. Neulich habe ich im Radio Werbung für Fruchtsäfte gehört, die besonders mild sind, weil ein Teil der Säure entfernt wurde. Wie bitte? Ein Apfelsaft muss doch ein wenig, ein Grapefruitsaft sogar deutlich sauer schmecken. Im Übrigen: Die Fruchtsäuren von Obst und Säften führen nicht zu einer Übersäuerung des Organismus, wie gern angenommen wird. Im Gegenteil werden die Fruchtsäuren sogar basisch verstoffwechselt. In diesem Sinne bekommt das obige Sprichwort sogar eine biochemische Bestätigung.

Ein Smoothie sieht lecker aus und ist allemal gesünder als Süßigkeiten.
„Richtiges“ Obst ist aber noch wertvoller.

Ganz schlimm finde ich auch die Unsitte des zunehmenden Konsumes von Smoothies. Natürlich ist ein Smoothie als Zwischenmahlzeit ernährungsphysiologisch immer noch etwas wertvoller als eine Milchschnitte, Müllers Milchreis oder ein Knoppers, aber auch hier sehen wir wieder einen verhängnisvollen Trend zur Verweichlichung. Smoothies schmecken in der Regel – nomen est omen – sanft und weich. Sie sind nicht sauer und man muss nichts kauen. Smoothies fördern daher den Hang unserer Bevölkerung nach Bequemlichkeit. Dabei schaffen sie auch noch ein gutes Gewissen: Ich habe doch quasi ein Stück Obst, also etwas Gesundes, verzehrt. 

So einfach wollen wir es uns dann doch nicht machen. Nach der „5 am Tag-Regel“, die uns den Verzehr von fünf faustgroßen Stücken Obst oder Gemüse empfiehlt, dürfen wir ein Stück auch in Form eines Glases Frucht- oder Gemüsesaft verzehren. Der Saft darf dabei auch durch ein Smoothie ersetzt werden – so lange der Smoothie aus reinen Früchten ohne Zusatzstoffe oder Zucker hergestellt wurde. Aber mehr als ein Glas Saft, alternativ ein Smoothie, sollte es aber nicht sein, damit wir auch noch die wertvollen Ballaststoffe und sekundären Pflanzeninhaltsstoffe zu uns nehmen, die bei der Produktion von Saft oder Smoothie teilweise verloren gehen.

Neben der thermischen Verweichlichung haben wir nun auch noch einige Beispiele einer fatalen und immer mehr um sich greifenden gustatorischen (dem Geschmack zugehörigen) Verweichlichung kennen gelernt.

Das gibt`s doch nicht: Freizeitsportler mit Angst vor Bewegung

Es kommt aber noch schlimmer: Mein Fitnessstudio liegt auf dem Heimweg von der Arbeit. Meine Sporttasche liegt immer gepackt im Auto, so dass es mir recht leicht fällt, nach der Arbeit noch zwei- bis dreimal pro Woche einen kleinen Umweg einzulegen. Um vom Parkplatz in der Tiefgarage in das Sportstudio zu gelangen, muss man ganze zwei Treppen ersteigen, was für fitnessgestählte Sportler doch eigentlich kein Problem darstellen dürfte. Weit gefehlt! Ich registriere immer wieder mit ungläubigem Erstaunen, dass Freizeitsportler zwei Stockwerke mit dem Fahrstuhl fahren, damit sie anschließend auch noch genug Energie haben, um sich eine Stunde an den Geräten Muskelpakete anzutrainieren und einen Liter Schweiß am Crosstrainer zu lassen.

Bewegung im Fitnessstudio ist gut – aber auch die Bewegung im Alltag sollten wir nutzen

Ist es nicht komisch, dass wir monatlich einen erklecklichen Betrag ausgeben, um uns körperlich zu betätigen, die kostenlosen Reize aber, die uns der Alltag z. B. in Form von Treppen steigen oder dem Gang zu Fuß zum nächsten Supermarkt bietet, vernachlässigen wir sträflich. Wenn Sie in einem überfüllten und lauten Kaufhaus einen Ort erholsamer und paradiesischer Stille aufsuchen möchten, dann habe ich hier den ultimativen Tipp für Sie parat: gehen Sie ins Treppenhaus, dort ist es angenehm ruhig, da jeder Kunde Rolltreppe oder Fahrstuhl benutzt, aber nicht die Treppe. 

Dabei könnten wir so ganz einfach Energie verbrauchen und die Leistungsfähigkeit erhöhen. Wenn wir nur fünf Minuten am Tag mit Treppen steigen verbringen, so sind dies im Jahr bereits mehr als 30 Stunden (nebenbei: mit Fahrstuhl oder Rolltreppe sind Sie keineswegs schneller). Schon bei langsamem Treppen steigen verbrauchen wir etwa 500 kcal pro Stunde, also im Jahr etwa 15.000 kcal. Da ein Kilogramm Körperfett ca. 7.000 kcal Energie speichert, könnten wir theoretisch nur mit gelegentlicher Benutzung einer Treppe anstelle eines Fahrstuhles nebenbei mehr als zwei Kilo Fett verbrennen – ohne zusätzlichen Besuch eines Sportstudios oder Einhaltung einer Diät.

Fazit: Verweichlichung, wohin wir auch blicken

So muss ich abschließend leider konstatieren, dass wir dazu tendieren, thermisch, gustatorisch und kinetisch (der Bewegung zugehörig) zu verweichlichen. Immer mehr Menschen wählen den bequemen Weg – das darf dann ruhig auch etwas mehr kosten, wenn es nur keine eigenen Mühen bedeutet. Das unselige „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass!“ beobachte ich immer mehr – sowohl im Alltag als auch in der Naturheilkunde.

Da werden dann teure Nahrungsergänzungen geschluckt, man lässt sich aufwändig Infusionslösungen mit Vitaminen oder Homöopathika in die Venen pumpen und setzt sich langwierigen „feinstofflichen“ Messungen an piependen und blinkenden Geräten aus. Nichts dagegen – das kann im Einzelfall alles sogar sinnvoll sein. Es kann und darf aber nur eine Ergänzung der Grundlagen unserer Gesundheit darstellen. Und hier gelten prinzipiell immer noch dieselben Empfehlungen wie sie Prießnitz, Kneipp oder Bilz aufgestellt haben. Interessanterweise waren diese Vorreiter einer natürlichen Lebensweise alle keine Ärzte sondern Bauer, Pfarrer oder Weber. Man muss also nicht die akademischen Weihen erhalten haben, um weise Erkenntnisse zu gewinnen und zu verbreiten.

Ich möchte hier ganz klar dem Eindruck entgegenwirken, ich fordere von mir und meinen Patienten bedingungslose Askese und verfolge jede „Sünde wider eine natürliche Lebensweise“ mit unnachgiebiger Härte. Nein, die Zeiten, da wir „flink wie die Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl“ sein mussten, sind glücklicherweise vorbei. Aber das heute so moderne Weichspülen ist wohl auch nicht das Gelbe vom Ei.

„Hart wie Kruppstahl“ muss heute nicht mehr sein, aber verweichlichen müssen wir auch nicht

„Gesundheit bekommst Du nicht im Handel, sondern durch den Lebenswandel!“ (Sebastian Kneipp). Gesundheit bekommen wir also nicht geschenkt. Wir können sie auch nicht kaufen, selbst wenn clevere Geschäftemacher aus der Lebensmittel- und Pharmaindustrie, aber auch aus der Ärzte- und Heilpraktikerschaft uns das immer wieder weismachen wollen. Nein, wir müssen dafür schon ein gewisses Maß an Eigenverantwortung übernehmen. Damit ist keineswegs nur eine adäquate finanzielle Selbstbeteiligung gemeint, sondern vor allem ein aktives Mitwirken an der Gesunderhaltung. Egal ob wir dies nun „naturliche Lebensweise“ oder auf neudeutsch „lifestyle“ nennen – wir haben es selbst in der Hand, an unserer Gesundheit mitzuwirken. Ein bisschen „gesunde Härte“ kann da nur segensreich sein – dazu gehören u. a. das Kauen richtiger Nahrung (bei Joghurt und Smoothie müssen wir ja noch nicht einmal mehr unsere Beißwerkzeuge betätigen) sowie ein bisschen Bewegung.

Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit  

 © Dr. Volker Schmiedel
Chefarzt der Inneren Abteilung
FA für Physikalische und Rehabilitative Medizin
Naturheilverfahren, Homöopathie
Dozent für Biologische Medizin (Univ. Mailand).

Animationen animierte Augen

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Natürlich gesund

ISBN: 9783830422211
EUR [D] 24,95 / EUR [A] 25,70
CHF 42,40 (CH/UVP)

 

Volker Schmiedel

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